Julie Paradise

Warum ich mich ungern über Politik äußere - und was das vielleicht mit dem Geschlecht zu tun haben könnte

— geschrieben von julieparadise @ 22:34

Wenn in meiner Umgebung eine (politische) Diskussion stattfindet, verhalte ich mich meist ruhig. Ich höre zu, beobachte, lerne, staune. Bewundere die, die ihre Position nachvollziehbar machen, eigene Unzulänglichkeiten und Informationslücken zu überwinden trachten und auf den Diskussionspartner - nicht -gegner! - eingehen. Versuche, verschiedene Positionen zu verknüpfen, verliere manchmal die Konzentration, weil oft ein Punkt erreicht ist, an dem man sich doch nur wieder anschreit und alles aussichtslos scheint. Wenn alle reden, hört keiner mehr zu.

Björn Grau hat es, glaube ich, aufgegeben, mich in (politische) Diskussionen verwickeln. Er ist ein guter Freund von mir, aber ich habe ihm einmal geschrieben, daß ich nicht mehr mit ihm über Politik diskutieren möchte, weil er besser und häufiger argumentiert.

Vielleicht habe ich damit eine Schwäche zugegeben, die viele Frauen (meist unnötigerweise) zu haben glauben, vielleicht ist das mangelnde Selbstbewußtsein oder Durchsetzungsvermögen erziehungsbedingt (Der Spruch "Die Jungs machen, die Mädchen versuchen" war der Lieblingsspruch unseres Klassenlehrers auf dem Gymnasium, ich habe ihn beinah täglich zu hören bekommen über sieben Jahre hinweg), vielleicht entspringt die Zurückhaltung aber auch der Einsicht, daß es nicht nur Anführer, sondern auch Angeführte geben muß, die allerdings nicht wie dumme Schafe folgen, sondern reflektieren, wo sie stehen und erkennen, wer ihre Position vertritt.

Nicht jeder, der sich nicht äußert, hat per se nichts zu sagen. Manchmal ist man mit seiner eigenen Entscheidungsfindung erst dann zu einer Meinung gelangt, wenn die Karawane längst weitergezogen ist. Dann war zwar die eigene Beschäftigung mit dem Thema nicht umsonst, aber einbringen kann man diese nicht mehr. Manche sind eben bedächtiger als andere und ich habe es satt, als naives Dummchen abgetan zu werden, nur weil ich mich, oft aus Unsicherheit, lieber erst einmal nicht äußere, bis ich nicht halbwegs mit den Feinheiten des Themas vertraut bin. Bei vielen Themen ist lustiges Daherplappern nun einmal nicht angemessen, davor habe ich Respekt. Oft sind auch die Quellen trübe, aus denen die Informationen stammen, die Wahrheit kann von einer Seite aus eine andere sein als aus einer anderen Perspektive. Emotionen spielen eine Rolle, Schwarz und Weiß, Gut und Böse. Es gibt viel Grau, viel Sowohl-Als-Auch. Überdies: Nicht jeder muß immer zu allem etwas zu sagen haben. Wenn alle reden, hört keiner mehr zu.

[20.4.07, 9.46 - Nachtrag: Mitmachen! Mein Brief ist schon auf dem Weg.]





Stöckchenschmus

— geschrieben von julieparadise @ 17:03

Der René hat heute Stöckchen verteilt, weil: "Stöckchen sind keine Selbstbedienung

Unter ein Stöckchen, diesem beliebten Instrument der Blogger-Sozialisation, [...] zu schreiben ”bedient euch bitte“, dass ist äußerst kontraproduktiv, denn es tötet das Stöckchen und ich will mir nicht nachsagen lassen: „René, Du hast das Stöckchen getötet.“ Es widerspricht dem Netz. Werft die Stöckchen bitteschön weiter an Leute, die Ihr mögt und nennt sie mit Namen und verlinkt sie, denn das ist es, worauf es ankommt.

Dieses Stöckchen werfe ich weiter an Alex, Jan, Olli, Malcolm, Julie. So sieht’s aus. Warum die Dinger aber immer an fünf Leute weitergeworfen werden, weiß ich auch nicht."

Ja, und nu? Ihr seid Spaßvögel, ihr InterNetzer (die zum Glück nicht aussehen wie der Ex-Fußballer mit dem Holzpuppengesicht). Ihr mit euren lustigen Spielen. Nun hab ich also mein Stöckchen. Brav aufgefangen hab ich's, jetzt guck ich's mir an und denke: "Scheiß drauf, ist doch kein Bumerang!" Je mehr Leute so Stöckchendingsens auffangen und weiterwerfen, umso mehr fliegen mir davon um die Ohren, am Ende hat man ein Problem wie mit dem Weltraumschrott. Der ist auch überall.

So

sieht es aus, mein Stöckchen, und jetzt komm mir keiner mit "Das ist ja ein Finger!" - Äh, ok, bei Hänsel und Gretel hat es funktioniert, andersrum, selbstverständlich, einen Versuch war es mir wert.

Ach, macht doch, was ihr wollt, nu los, Miss Sophie, Anne, Björn Grau und Herr Dobschat. Ja, einen hab ich noch, Herr Stein.





Man muß ja auch mal ein Erfolgserlebnis haben

— geschrieben von julieparadise @ 12:15

Vorhin: Gespräch mit dem Professor, es geht um eine Buchveröffentlichung (Edition mandäischer Handschriften), die ich betreuen soll.

Ich: "... Und ein Stylesheet vom Verlag, gibt es das schon? Sind alle Beiträge eingetroffen? Dann erstelle ich ..." Bam! Bam! Bam! "... und dann müßte das Ganze ja bis Juli abgeschlossen sein."

Professor: "Äh, ja, soweit habe ich das noch gar nicht durchgeplant."

Mann, bin ich heute zackig! Wenn ich immer so wäre, könnte ich glatt Karriere machen.





Heino-Content

— geschrieben von julieparadise @ 08:12

Ich: scharze Schuhe, schwarze Hose, brauner Gürtel, braunes Shirt, schwarzer Pulli.

Schatzmeister: "Willst Du wirklich so gehen?"

Ich: "(fragend) Ja."

Schatzmeister: "(beginnt zu singen) Schwarzbraun ist die Haselnuß..."





Grüß mit Gott

— geschrieben von julieparadise @ 00:52

t'ená yəst'-əll-əññ (amharisch)

Gesundheit er(Gott)-möge-geben - (dir)-um-meinetwillen

Gemeint ist: Gott möge Dir Gesundheit/Wohl schenken, weil ich es Dir wünsche

(Aussprache: t' muß hart (emphatisch / pharyngal) gesprochen werden,

ə sollte als Schwundlaut, wie im Berlinerischen "kannste" behandelt werden und

ñ klingt wie der Palatal im spanischen Señora)

Gott als Subjekt des Verbums muß nicht genannt werden, da er für die meist orthodoxen Christen in Äthiopien sowieso Urheber aller Dinge ist.

An diesem simplen Gruß kann man einige der Feinheiten, wegen derer ich die semitischen Sprachen so liebe, beobachten.

Das Kasussystem, wie man es aus den indogermanischen Sprachen kennt, steht dem semitischen sehr nahe, viele Beziehungen innerhalb der Sprache werden allerdings durch das Anhängen von Objekt- (əll-əññ = für mich / zu meinen Gunsten, nägär-o/ -a = er sprach zu ihm / ihr) und Possessivsuffixen (abba = Vater, abb-i = mein Vater) ausgedrückt, dadurch ist der Satzbau relativ variabel. Das Verbalsystem ist raffiniert ausgeklügelt, es gibt einen meist dreiteiligen, "Wurzel" genannten Wortstamm, dem Elemente voranstehen, eingefügt sind oder angehängt werden, sowie verschiedene Vokalisationsmuster (Bsp.: 'əz - qəddase = Heiligung, qəddesat = Heiligkeit, qəddus / qəddəst = heilig (m. / f.)) Diese Regelmäßigkeit macht semitische Sprachen relativ leicht zu lernen (von der Tatsache einmal abgesehen, daß viele Sprachen ein eigenes Schriftsystem besitzen, aber hey: no pain, no gain!) und läßt meine Begeisterung für sie seit Jahren stetig wachsen.

In diesem Sinne: t'ená yəst'-əll-əññ

Nachtrag: Wie mir soeben mitgeteilt wurde, sind obige Ausführungen nicht einmal für Philologen (Germanistik/ Romanistik) verständlich oder spannend, ich werde daher davon absehen, Euch weiterhin über die bewundernswerten Phänomene der Semitistik zu informieren (als da wären: Ergativität, oblique Kasus, die Frage, ob neusyrische Dialekte, die das System der Radicität weitgehend aufgegeben haben, noch als semitische Sprachen zu betrachten sind usw. - es hätte so schön werden können ...)





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