Danke, Jeriko: Machine Head, muß so um die Zeit gewesen sein, stimmt, Masters of Reality, daneben Nebula, zurück zur Grunzfraktion: Napalm Death, Entombed im SO36, oder doch lieber Sick Of It All, hach, das waren noch Zeiten.
Und heute gibt's doch genug Pop im Paradies, oder nicht, Herr Walter?
Zeiten ändern sich, Frisuren, mein Musikgeschmack - aber "The Memory Remains".
Nein, das ist nicht meine Lebenseinstellung (oder doch?), sondern eines der Konzerte, an die ich mich seltsamerweise am liebsten erinnere.
Konzert- und sonstige Rezensionen sind ja sehr beliebt in der kleinen gemütlichen Blogosphäre, da will ich jetzt auch mal. Stört ja auch keinen, daß dieser Abend nun schon 10 Jahre zurückliegt, nicht wahr?
Der Spaß begann mit dem Kartenkauf. Wenn man im Kaufhof am Alex an der Theaterkasse laut und deutlich sagt: "Einmal Pro-Pain, bitte!" erntet man irritierte Blicke. Mit "Ham'wa nich." lasse ich mich natürlich nicht abwimmeln, da müssen Fakten her: Wann, Wo, Wie teuer - geht doch! Also Karte gekauft. Ich schaue gerade wehmütig auf mein Ticket, ich hab's nämlich noch: 17 Mark, kaum zu glauben, das waren noch Zeiten. Übrigens war das die Tour zum 96er Album "Contents Under Pressure".
Daß das Konzert in der Woche stattfand, ich am nächsten Tag eine wichtige Klausur hatte (im Nachhinein erscheint es mir, als hätte ich nach jedem Konzert eine Klausur gehabt - und diese dann immer grandios verpennt oder versemmelt, aber ich war ja sowieso eine Fehlbesetzung auf unserem naturwissenschaftlichen Gymnasium, ich Mathe- und Physikniete), hat mich nicht im geringsten gestört. Jetzt ist das Leben! Gilt übrigens immer noch.
Das ganze war in der Arena in Treptow, lauter grunzböse aussehende, im Grunde ihres Herzens aber absolut liebe Bären Männer hatten sich versammelt, als Mädel fiel ich da ungefähr so auf wie in einer Horde Bundeswehrsoldaten - aber das ist eine andere Geschichte. Ich war auch das einzige Mädel, das nicht aussah wie die Schwester des Todes, das war nämlich das andere weibliche Wesen, eins von 4? 5? die ich an diesem Abend ausmachen konnte (neben der Kampflesbe, die nur sehr schwer als Frau zu erkennen war). Support? Hab ich vergessen, steht auch nicht auf dem Ticket. Und dann Pro-Pain. Hach: Schaut euch den mal an:
Ich wie immer vorne rechts an der Bühne, irgendwann hatte ich den ersten Stiefel im Nacken, dann hievte mich der Bassist auf die Bühne, von der ich - versteht sich von selbst! - mich schnell wieder verabschiedete. "Die Mädels fliegen wieder tief heute!" So sieht's aus: Crowdsurfing galore! Ich weiß gar nicht mehr, wie voll oder leer es eigentlich war, vor der Bühne jedenfalls gab es einen ordentlichen Moshpit. Herrlich, so schön war's sonst immer nur im SO36, bei Fear Factory zum Beispiel.
Aber, wie früher beim Toben: Irgendwann kommt der Moment, in dem der Spaß ganz schnell vorbei sein kann, und wie sagte Mutti immer so schön: "Bis wieder einer heult." Zum Beispiel, wenn man kurz abgelenkt ist und auf einmal einen Stiefel in der Fresse hat. Blut überall, entsetzte Gesichter, irgendwas in meinem Gesicht tut weh! Ich trete einige Schritte zurück, ein netter Junge reicht mir sein T-Shirt (ein weißes, sehr verschwitzt), drückt es unter mein Kinn, ich komme wieder etwas zu mir, als das Blut weggewischt ist, sieht er und ich fühle: Es ist nur meine Lippe, die blutet. Der Stiefel hat mir einen halben Schneidezahn abgebrochen, meine Unterlippe ist aufgeschlagen. Fürsorglich will er mich erstmal nach draußen bringen, aber da hat er die Falsche erwischt. Ich will zurück! An der Bar lassen wir uns Eiswürfel geben, er wischt sich noch schnell das Blut von den Händen und schon stehe ich wieder vor der Bühne. Naja, etwas mehr am Rand als vorher, aber immer noch dabei. Irgendwann hebt mich nochmal jemand auf die Bühne, da kann ich mich gar nicht gegen wehren, will ich auch nicht.
Und dann, nach dem Konzert, kommt so ein Bär auf mich zu, 2 Meter und schwerst tätowiert, entschuldigt sich bei mir und kann es gar nicht fassen, daß ich wieder zurückgekommen bin. Hey, ich bin doch nicht aus Zucker, und das war ein Hardcore-Konzert! Wenn ich stricken will, bleib ich zuhause! Also ein Bier, mindestens! Der Bassist gesellt sich dazu, fragt, ob meine Dreads echt sind, sagt, zu dem "Übeltäter", daß in Amerika manche durchdrehen auf solchen Konzerten, und wie cool Europa ist, und "doitschi Fwrowlains" sowieso, wir spielen Nintendo im Tourbus, essen jeder fast zwei Pizzen und machen dreckige Witze. Als es ans Verabschieden geht, ist es schon hell.
Ich hatte es gerade noch so geschafft, vor der Schule nach Hause zu fahren und zu duschen, die Physikklausur ergab, daß ich unfähig bin ("5 Punkte, Julie, ich bin enttäuscht!" - "Wenn Sie wüßten ..." ), der Besuch bei Zahnarzt war auch nicht das schönste Erlebnis, aber heute sieht man fast nicht mehr, welche Ecke es damals erwischt hatte.
Schön auch: Der Junge mit dem T-Shirt heißt Martin und kommt aus Ludwigsfelde, ich habe später mit ihm CDs getauscht, jetzt allerdings seit 4 oder 5 Jahren nichts mehr von ihm gehört, also Martin, wenn Du das hier liest, melde Dich!
Mein zweitliebstes Konzert war übrigens Crowbar...
Ja, genau der, der Filmfreund! Der hat nämlich auf seiner Seite einen Countdown zum Hurricane, da schau ich jeden Tag drauf (und jetzt komm mir keiner mit "Öööh, kannste nicht selber zählen, faule Sau! - "Nee, mag ich nicht, manchmal muß man Sachen schwarz auf weiß mit rot sehen, damit man's glaubt!" ).