Julie Paradise

mein Berlin

— geschrieben von julieparadise @ 15:00

Mein Berlin ist klein. Und zerstückelt. Und schön.

Gemacht - geboren - aufgewachsen in Schöneweide im Südosten der Stadt, kenne ich mich hier am besten aus, kenne in der Wuhlheide jeden Weg und die schönsten Stellen, weiß, wo Aalbeeren wachsen und wo man im Sommer den ganzen Tag in der Sonne liegen kann, ohne gestört zu werden.

Mein Berlin ist nicht Mitte, ist nicht Prenzlberg, ist nicht der Friedrichshain, mein Berlin, das ganz viel ist Köpenick.

Und ein wenig Dahlem, der FU Campus, die Seiten-und Nebenstraßen dort, und der Weg dahin. Jeden Tag eine Stunde mit dem Bus, meine Stunde, träumen und lesen und Musikhören, abends oft schlafen. Diese Strecke ist wie eine Nabelschnur, ein Tunnel, den ich nur an einer Stelle verlassen habe, vor 4 Jahren in Mariendorf, auf dem Weg zur Trabrennbahn. Etwas Lichterfelde kenne ich, ein wenig Steglitz, in Mitte nur die Gegend um den Potsdamer Platz, Unter den Linden entlang, vom Alex zur Storkower Straße, wo mein bester Freund arbeitet, über einer Polizeiwache, von dort zur Landsberger, Eberswalder, aber dreckig ist es dort, noch trauriger als in Schöneweide, also schnell nach Hause, abends mit der Tram 21 doch noch ein wenig Friedrichshain schnuppern, Ostkreuz, Freunde wohnen dort. Tagsüber weiß ich da nie, wo ich bin, nachts kenne ich mich besser aus, weiß wo der Nachtbus fährt, liebe es, angeschickert nach einer Party über die Warschauer Brücke zu gehen und beinah mehr Leute umgeben mich als tagsüber.

Schöneweide ist ranzig, dreckig, laut, 20000 Menschen haben hier vor der Wende gearbeitet, jetzt ist es kaum mehr ein Zehntel davon, wer geblieben ist, so war es lange Zeit, tat dies nur, weil er mußte. Einen Taximord gab es hier, der Mörder war mal auf der Geburtstagsparty einer Freundin, das Taxi mit dem toten Fahrer war am Haupteingang meines Gymnasiums abgestellt, Blut war auf den Bordstein getropft, am Montag haben wir es gesehen und sind erschauert. Eine zerstückelte Leiche wurde im Hinterhof des Hauses gefunden, wo ich in meiner Zeit des Alkohols bei einer Freundin abgestiegen war. Wir fanden es nicht gruselig damals, unsere Sorge war nur, daß uns der Wein nicht ausgeht. Wir hatten angefangen, die leeren Flaschen in der Küche zu stapeln, ganz hinten in der Ecke, wir haben sie nicht weggebracht, immer weiter gesammelt, und irgendwann war die Küche voll, der ganze Boden voller stehender Flaschen. Wir haben zwei Regalbretter drübergelegt wie Stege und so einen Weg gemacht. Wir haben gekifft und Bong geraucht, ich war ein halbes Jahr kaum in der Schule und bin doch irgendwie durchgekommen damit. Ich habe ein Arschloch angeschmachtet und immer wieder die Bong saubergemacht. Bin halt doch spießig und habe den Ordnungs- und Sauberkeitsfimmel in mir, den konnte ich nicht betäuben. All das nur eine Querstraße entfernt von dem Haus, in dem ich gezeugt wurde. Im Hinterhof hat sich vor zwei Jahren ein Mann mit Gas in die Luft gesprengt. Früher hat in dem Haus eine Freundin gewohnt, daneben mein bester Kumpel, wir sind immer zusammen die Rodelberge mit dem Fahhrad runtergepest, und auch die Stufen in der Parkbühne Wuhlheide habe ich mit meinem Mountainbike gemeistert, kein Junge hat sich das getraut. Dennis wollte mal, aber dann hat ihn der Mut verlassen, er hat gezögert und gebremst und sich das Schlüsselbein gebrochen. Ich mußte sein kaputtes Rad heimschieben, er war mir solange böse, bis ich ihm von einem Balkon in der Goethestraße Käsekuchen geklaut habe. Der war noch warm, und Dennis hat mich schüchtern auf die Wange geküßt, ganz schnell. Dann hat er mich gepufft und ist weggerannt.

Mein Berlin ist überall, wo Erinnerungen sind, nicht dort, wo man sich angeblich auskennen muß. Ich kenn hier kaum coole Läden, wenige Geheimtips, keine Schleichwege, wenn sie nicht in Köpenick sind. Und das finde ich nicht schlimm, eher finde ich es schön, daß ich, obwohl ich nie woanders gelebt habe, noch soviel Berlin entdecken kann.





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