Julie Paradise

19 Apr, 2007

Warum ich mich ungern über Politik äußere - und was das vielleicht mit dem Geschlecht zu tun haben könnte

— geschrieben von julieparadise @ 22:34

Wenn in meiner Umgebung eine (politische) Diskussion stattfindet, verhalte ich mich meist ruhig. Ich höre zu, beobachte, lerne, staune. Bewundere die, die ihre Position nachvollziehbar machen, eigene Unzulänglichkeiten und Informationslücken zu überwinden trachten und auf den Diskussionspartner - nicht -gegner! - eingehen. Versuche, verschiedene Positionen zu verknüpfen, verliere manchmal die Konzentration, weil oft ein Punkt erreicht ist, an dem man sich doch nur wieder anschreit und alles aussichtslos scheint. Wenn alle reden, hört keiner mehr zu.

Björn Grau hat es, glaube ich, aufgegeben, mich in (politische) Diskussionen verwickeln. Er ist ein guter Freund von mir, aber ich habe ihm einmal geschrieben, daß ich nicht mehr mit ihm über Politik diskutieren möchte, weil er besser und häufiger argumentiert.

Vielleicht habe ich damit eine Schwäche zugegeben, die viele Frauen (meist unnötigerweise) zu haben glauben, vielleicht ist das mangelnde Selbstbewußtsein oder Durchsetzungsvermögen erziehungsbedingt (Der Spruch "Die Jungs machen, die Mädchen versuchen" war der Lieblingsspruch unseres Klassenlehrers auf dem Gymnasium, ich habe ihn beinah täglich zu hören bekommen über sieben Jahre hinweg), vielleicht entspringt die Zurückhaltung aber auch der Einsicht, daß es nicht nur Anführer, sondern auch Angeführte geben muß, die allerdings nicht wie dumme Schafe folgen, sondern reflektieren, wo sie stehen und erkennen, wer ihre Position vertritt.

Nicht jeder, der sich nicht äußert, hat per se nichts zu sagen. Manchmal ist man mit seiner eigenen Entscheidungsfindung erst dann zu einer Meinung gelangt, wenn die Karawane längst weitergezogen ist. Dann war zwar die eigene Beschäftigung mit dem Thema nicht umsonst, aber einbringen kann man diese nicht mehr. Manche sind eben bedächtiger als andere und ich habe es satt, als naives Dummchen abgetan zu werden, nur weil ich mich, oft aus Unsicherheit, lieber erst einmal nicht äußere, bis ich nicht halbwegs mit den Feinheiten des Themas vertraut bin. Bei vielen Themen ist lustiges Daherplappern nun einmal nicht angemessen, davor habe ich Respekt. Oft sind auch die Quellen trübe, aus denen die Informationen stammen, die Wahrheit kann von einer Seite aus eine andere sein als aus einer anderen Perspektive. Emotionen spielen eine Rolle, Schwarz und Weiß, Gut und Böse. Es gibt viel Grau, viel Sowohl-Als-Auch. Überdies: Nicht jeder muß immer zu allem etwas zu sagen haben. Wenn alle reden, hört keiner mehr zu.

[20.4.07, 9.46 - Nachtrag: Mitmachen! Mein Brief ist schon auf dem Weg.]





Kommentare

  1. danke!

    >Nicht jeder, der sich nicht äußert, hat per se nichts zu sagen. Manchmal ist man mit seiner eigenen Entscheidungsfindung erst dann zu einer Meinung gelangt, wenn die Karawane längst weitergezogen ist.

    Ich weiß schon, warum...

    geschrieben von rene — 19 Apr 2007, 23:29

  2. Huch! Ich hab ja das "Unsinn" nach dem abschicken gleich wieder bereut, aber was solls. War echt etwas verkürzt gedacht geschrieben, aber so what. Vielleicht liegt es daran, dass Männer evolutionsbedingt grundsätzlich kämpferischer sind, als Frauen. Aber das kommt mir jetzt auch sehr chauviemäßig vor.

    Ich bin zwar gerne Chauvie, aber ich reflektiere das auch.

    Und mit dem Grau hast Du sowas von Recht. Weil so die Natur ist. Es gibt weder Perfektion noch Gott noch letzte Meinungen, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Die finden wir auch noch.

    Obwohl, die will wahrscheinlich gar nicht gefunden werden, die Wahrheit. Am Ende geht's der verborgen zwischen all dem Schwarz/Weiß-Denken ganz gut.

    Oder so.

    geschrieben von rene — 20 Apr 2007, 00:32

  3. Chauvie ist schon ok,

    ich kann mich auch ganz gut wehren, und mit "Unsinn!" hattest Du auch recht. Männer sind oft energischer, risikobereiter, und das ist gut so.

    geschrieben von Julie Paradise — 20 Apr 2007, 00:35

  4. Ach so,

    noch mal wegen dem Herrn Grau, nicht daß es da Mißverständnisse gibt: Er kann politische Themen gut anpacken, nur fühle ich mich im persönlichen Gespräch oft irgendwie machtlos, untergebuttert, was aber letztlich mein Problem ist und bestimmt von ihm nicht intendiert.
    Und ich sprach auch nicht von ihm, als ich erwähnte, daß mir schon unterstellt wurde, ich sei unfähig zur Diskussion, weil ich mich, im Gegensatz zu meiner sonstigen Art, nicht beteilige.
    Ansonsten: Dieser Post ist sehr Ich-lastig, ich mochte mir auch einfach nicht anmaßen, für andere (Frauen) zu sprechen.

    geschrieben von Julie Paradise — 20 Apr 2007, 00:41

  5. Zum grau; Es gibt in der Tat Dinge, die können nicht grau sein. Ja oder nein, schwarz oder weiß. Kompromiss ausgeschlossen. Und das gerade in der Natur.
    Aber: Eben nicht bei diesem Thema hier. Das geht alles und alles sollte erlaubt sein.

    In Bezug auf das Geschlecht: Hey, wir werden von einer Dame regiert und die ist - auch wenn es nicht so aussehen mag - tatsächlich weiblichen Geschlechtes. Also irgendwie gibt es auch da welche, die Politik machen wollen, ebenso wie die Männer, die das nicht wollen...

    geschrieben von kfmw — 20 Apr 2007, 01:41

  6. @kfmw: aber "politik machen wollen" ist doch nicht gleichzusetzen mit "über politik diskutieren"?

    und rene und julie: ich finde euren geschlechterkonsens gerade echt etwas seltsam. für mich hat das nichts mit dem geschlecht, sondern vielmehr mit charakter/veranlagung etc. zu tun. im prinzip sagt ihr auch nichts anderes, aber reduziert es auf männlein und weiblein.

    geschrieben von anne — 20 Apr 2007, 10:03

  7. Penisneid

    Liebe Anne,

    im Grunde hast Du recht (Geschlecht vs. Persönlichkeitsstruktur), aber meine Überlegungen zu dem Thema flossen zusammen aus der Wahrnehmung, daß in derartigen Diskussionen (soweit man das aus dem Namen erschließen kann) weitaus mehr Männer vertreten sind und der Frage an mich selbst, warum ich - als Frau - ungern teilnehme, obwohl es mich auch beschäftigt. Daher der vielleicht nicht sofort nachvollziehbare "seltsame Geschlechterkonsens".

    geschrieben von julieparadise — 20 Apr 2007, 10:08

  8. aber bist es wirklich du als frau, die ungerne an solchen diskussionen teilnimmt, oder du als julie? ich habe vielmehr das gefühl, dass du dir keine kompetenz anmaßen möchtest, die du nicht hast - keine ahnung wie politisch interessiert du bist, aber ich kann auch nicht zu jedem nahost-konflikt was sagen. ich finde solche diskussionen aber spannend und wertvoll, wenn alle teilnehmenden aufnahmefähig und -bereit für neue ansichten sind und nicht einfach nur beständig ihre eigene meinung positionieren wollen. da sollte man dann auch einfach mal "doof" nachfragen dürfen, wenn man sich eben noch nicht so gut auskennt.
    im netz scheint mir das teilweise nur bedingt realisierbar, weil dann wohl doch aspekte wie tonfall, mimik und gestik fehlen. emoticons ersetzen eben auch nicht alles.

    geschrieben von anne — 20 Apr 2007, 10:28

  9. Wer bin ich?

    Ich nehme als S. ungern an solchen Diskussionen teil, höre aber umso lieber zu. Nachfragen muß erlaubt sein, natürlich. Und wenn z.B. Herr Grau etwas sagt, ist es auch fundiert. Er ist sich nicht zu fein, alle Aspekte der Sache auszuleuchten. Da ist es dann eher die konkrete Situation, Körpersprache usw., die mich zurückhält. Auch bin ich nicht so gewandt darin. Der Beitrag bezog sich also eher auf mein "richtiges" Leben.
    Aber wenn man im Netz mal schaut, wer denn so "politische Blogs" betreibt, fällt auf, daß es meist Männer sind. Ich finde das per se ja auch nicht schlecht, jemand muß ja die Initiative ergreifen, und Männer scheinen dieses Medium (bisher wenigstens) besser für sich nutzen zu können, vielleicht ändert sich das noch.
    Was aber das Diskutieren angeht: Ich glaube immer noch, daß Männer da erfolgreicher sind, auch, weil es Haltungen wie die meines ehemaligen Lehrers gibt, die sie ermutigen, und andere, die es unfein finden, wenn Frauen sich so stark positionieren. Oft wägen Bedächtigere Naturen (zu denen dann doch viele Frauen gehören) erst einmal ab, was es denn zu sagen gäbe, und dann (denk mal an Seminarsituationen in der Uni) ist die Diskussion auch schon wieder an einem anderen Punkt angelangt.
    Mein Hauptanliegen war es eigentlich auch, mal für mich selbst klar zu machen, daß ich eine gewisse Kompetenz habe, mir aber der Lücken bewußt bin, daher oft nicht schnell genug mitten in der Diskussion stehen kann und es einfach satt habe (ich spreche von einer konkreten Person in meinem Umfeld, (die mit dem Internet wenig zu tun hat, also außerhalb dieser Blogwelt hier steht) die mich in Gesprächen ständig zu Beiträgen nötigt. Da fühle ich mich unter Druck gesetzt. Und ich glaube auch, daß meine Unfähigkeit, darauf stärker zu reagieren, etwas damit zu tun hat, daß ich eine Frau bin, daß ich zwei Köpfe kleiner bin als diese Person, daß diese Person immer gleich laut wird usw.
    Damit vermischte sich dann auch die Wahrnehmung, daß stille Naturen oft unterschätzt werden.

    (personal Buzzwords for the future: Frauen, oft, meist, auch)

    geschrieben von julieparadise — 20 Apr 2007, 10:57

  10. dann verhälst du dich genau richtig.
    guck nur dieses video: http://www.sinnloser-stuff.de/?page_id=5394
    ^^

    geschrieben von lebowski — 20 Apr 2007, 10:58

  11. Autsch!

    Aber klasse Video ...

    geschrieben von julieparadise — 20 Apr 2007, 11:10

  12. Was aber das Diskutieren angeht: Ich glaube immer noch, daß Männer da erfolgreicher sind, auch, weil es Haltungen wie die meines ehemaligen Lehrers gibt, die sie ermutigen, und andere, die es unfein finden, wenn Frauen sich so stark positionieren.

    das ist hoffentlich nur eine these und kein zugeständnis, denn sonst kann man sich ja als weibliches wesen gleich einbuddeln. ansonsten war der text dann wohl ein bißchen mißverständlich, weil du auf netzdiskussionen verwiesen hast, aber eigentlich vorwiegend dein first life (hihi) meintest. da verstehe ich dann auch besser, was du meinst. allerdings kann die seminar-diskussion für mich nicht als geeignetes beispiel herhalten, zumindest nicht bei unserer geliebten massenuni ;)

    geschrieben von anne — 20 Apr 2007, 11:37

  13. Mache ich den Eindruck, als würde ich es gut finden, mich unterbuttern zu lassen?
    Oh, was schreibt mein Lieblingsweibsschmonzblatt "glamour" diese Woche? - "So lernen sie NEIN zu sagen". Man könnte auch einsetzen IHRE MEINUNG zu sagen ...
    Und ich bin mir sicher, daß viele Verhaltensweisen aus dem first life ungefiltert ins second life eingedrungen sind. Die Vermischung der zwei Welten war somit für mich legitim.

    geschrieben von julieparadise — 20 Apr 2007, 12:25

  14. Ich habe den Artikel eigentlich ausschließlich auf einer persönlichen Ebene gelesen und gar nicht im Web-Context. Klar, er beschreibt zwar schon ein klassisches, veraltetes Frauenbild, findet das aber nicht gut, wie Julie sagt: „Mache ich den Eindruck, als würde ich es gut finden, mich unterbuttern zu lassen?“

    Nein, machste nicht. Außerdem bist Du in anderen Bereichen durchaus in der Lage, die Klappe aufzureißen, wie ich schätze, passt schon.

    geschrieben von rene — 20 Apr 2007, 13:35

  15. womit manches von mir angesprochene schon bewiesen wäre: natürlich machst du den eindruck nicht. der web-kontext ergab sich, wie gesagt, durch die verlinkung und wenn mich jetzt noch einer falsch verstehen möchte, ist mir das auch wurscht.

    geschrieben von anne — 20 Apr 2007, 13:53

  16. Ich versteh Dich doch,

    und Deine Einwände waren ja auch berechtigt. *Frieden?*

    geschrieben von julieparadise — 20 Apr 2007, 14:05

  17. war doch nie krieg, liebste pechmarie.

    geschrieben von anne — 20 Apr 2007, 14:22

  18. Dann is ja allet jut,

    liebstes Goldmariele!

    Und ja, es macht mich nachdenklich, im Nachhinein soviele nicht ausgeführte Gedanken und Motive nachtragen zu müssen, da hab ich wohl geschludert, gestern. Insofern vielen Dank für Deine Nachfragen.

    geschrieben von julieparadise — 20 Apr 2007, 14:28

  19. macht nüscht

    dafür is das netzdingens ja da :) vielleicht las ich auch zu viel zwischen den zeilen, wir literaturwissenschaftler können halt nicht anders.

    geschrieben von anne — 20 Apr 2007, 14:32

  20. Scheiß Studierte ;-)

    Nee, Julie, dafür is ja das Kommentar-Dings da, zuerst steht der Gedanke im Raum, und dann können alle daran rummeckern und dann kommt die Dialektik und es formt sich das Gesamtbild. Alles gut.

    geschrieben von rene — 20 Apr 2007, 22:57